Stadtbahnwagen GT-N der Würzburger Straßenbahn

Entwicklung des GT-N

Die 14 Fahrzeuge vom Typ GT-E waren seit der Inbetriebnahme Ende 1989 ein voller Erfolg. Die Linie 5 sollte so rasch wie möglich bis zum Stadtteil Rottenbauer verlängert werden. Dafür waren aber zuwenig neue Züge vorhanden. Zudem fuhren immer noch die mehr als 30 Jahre alten Straßenbahnen vom Typ GT-H aus Hagen, die dringend durch neue Fahrzeuge ersetzt werden mussten, weil sie technisch verbraucht waren, nur wenig Fahrgästen Platz boten und zu wenig PS hatten. Deswegen bestellte die Würzburger Straßenbahn am 18.12.1992 bei Linke-Hofmann-Busch und Siemens zwanzig neue Stadtbahnen im Wert von 82.165.000 Mark. Nach oben scrollen

Technische Ausrüstung

Eine Nachbestellung der GT-E-Züge wäre zwar möglich und wahrscheinlich auch günstiger gewesen, doch hatte man mit dem Niederflurabteil so gute Erfahrungen gesammelt, dass man nun auf ein 100 Prozent niederfluriges Fahrzeug bestand. Der komplette Fußboden befindet sich nur etwa 30 Zentimeter über der Fahrbahn, daher ist kein Platz für Achsen. Die Einzelräder sind stattdessen an einem starren Fahrgestell befestigt. Eine computergesteuerte Elektronik übernimmt die Funktion der mechanischen Achse. Jedes dieser Räder wird durch einen im Rad eingesetzten Motor direkt angetrieben. Kein Wunder, dass die komplizierte Elektronik von Siemens mit 45,8 Millionen Mark deutlich teurer ist als die Mechanik und Karosserie im Wert von lediglich 36,3 Millionen Mark, für die LHB verantwortlich ist. Natürlich ragen die Räder in den Fahrgastbereich hinein, doch darauf sind die Sitze montiert. Ebenso mussten elektrische Großkomponenten wie Wechselrichter und Umformer in wetterfesten Containern auf dem Fahrzeugdach angeordnet werden.

Die GT-N-Garnituren müssen auf allen Linien verkehren können, so auch auf dem 1,6 Kilometer langen Steilstreckenabschnitt hinauf zum Stadtteil Heuchelhof. Entsprechend hoch ist die Antriebsleistung von 730 Kilowatt, die eine Höchstgeschwindigkeit von 70 km/h erlaubt, zur Zeit jedoch auf 60 km/h begrenzt ist. Im Gegensatz zum GT-E mit Allachsantrieb spricht man beim GT-N vom Allradantrieb. Natürlich ist für den Steilstreckenabschnitt das nötige Zugsicherungssystem eingebaut. Ein Anti-Blockier-System sowie eine Anti-Schlupf-Regelung sind eine Selbstverständlichkeit. Wenn die Räder trotz Anti-Schlupf-Regelung durchdrehen oder beim Bremsen blockieren, wird automatisch gesandet. Vier voneinander unabhängige Bremssysteme kommen zum Einsatz: eine elektrodynamische Bremse, eine aktive und passive elektrohydraulische Scheibenbremse und eine Magnetschienenbremse. Die Bremsenergie wird größtenteils wieder ins Netz zurückgespeist. Ein Störmeldedisplay unterstützt den Fahrer bei einer Funktionsstörung, indem der genaue Fehler genannt wird und wie man ihn, wenn möglich, beheben kann. Selbst bei Ausfall von einem oder mehreren Steuergeräten ist ein eingeschränktes Weiterfahren in speziellen Sondermodi möglich. In jeder Sonderbetriebsart ist auch die Steilstrecke befahrbar. Die GT-N-Züge sind erstmals traktionsfähig, das heißt es können bei hohem Fahrgastaufkommen zwei Züge zusammengekoppelt fahren. Dies wurde ein paar Jahre lang während der Schulzeit auf der Linie 5 praktiziert, als morgens eine Schnellbahn 505 in Doppeltraktion vom Heuchelhof in die Stadt fuhr.

Für eingefleischte Technikfreunde sind vielleicht noch folgende Informationen interessant. Die zwölf Einzelräder setzen sich aus Radnabenmotor, Planetengetriebe, Bremsscheibe und dem eigentlichen Rad zusammen. Die Gesamtkonstruktion der drei Fahrwerke entspricht den Eigenschaften bewährter Drehgestelle. Die Primärfederung ist als Parabelfeder mit zusätzlicher Gummifeder ausgeführt. Der Sekundärfederung dienen zwei Schraubenfedern und ein Gummipuffer zwischen Fahrwerksrahmen und Wagenkasten. Die Ansteuerung der Drehstrommotoren findet durch wassergekühlte IGBT-Pulswechselrichter statt, die ihrerseits auf der Radnarbe aufgebaut sind. Das macht den Antrieb leise und verhindert Verschmutzungen. Die Leittechnik besteht aus zwei Antriebssteuergeräten und einem Zugsteuergerät in moderner SIBAS-Technik. Sie regelt und überwacht die Antriebsausrüstung und Fahrzeugsteuerung. Wie bereits weiter oben erwähnt, befindet sich die E-Ausrüstung auf dem Fahrzeugdach. Es handelt sich dabei um die Leistungselektronik in Stromrichtercontainern, um das Kühlaggregat, das Hydrogerät, den Umformer und die Batterie. Zu den Bremssystemen sei noch ergänzt, dass das Bremsen auf der Steilstrecke zwischen Heuchelhof und Heidingsfeld den Einbau einer aktiv-passiv arbeitenden elektrohydraulischen Federspeicherbremse erforderte. Nach oben scrollen

Technische Daten

Bezeichnung: Stadtbahn-Niederflur-Gelenktriebwagen GT-N
Bauart: 5-teiliger 100% Niederflur-Gelenktriebwagen
mit 12 Einzelrädern
Fahrzeugnummern: 250 - 269
Baujahre: 1993 - 96
Hersteller: Linke-Hofmann-Busch, Salzgitter
Siemens, Erlangen
Spurweite: 1000 mm
Höchstgeschwindigkeit: 70 km/h (z. Zt. auf 60 km/h begrenzt)
Anfahrbeschleunigung: 1,3 m/s² (bei 150 Personen)
Betriebsbremsverzögerung: 1,3 m/s² (bei 150 Personen)
Achsfolge: 3 Fahrgestelle mit je 4 angetriebenen Einzelrädern
Fahrleitungsspannung: 750 V Gleichspannung
Fahrmotoren: 12 x 60,83 kW (insgesamt 730 kW)
Bremssysteme: Elektrodynamische Bremse
Aktive und passive elektrohydraulische Scheibenbremse
(= aktiv-passiv arbeitende elektrohydraulische Federspeicherbremse)
Magnetschienenbremse
Leergewicht: 39 t (max. Gesamtgewicht: 54,7 t)
Radabstand / Raddurchmesser: 1800 mm / 660 mm
Platzangebot: 76 Sitzplätze (+6 Klappsitze)
78 Stehplätze (4 Personen/m²)
Länge / Breite / Höhe: 28.810 / 2.400 / 3.475 mm
Einstiegs- / Fußbodenhöhe: 300 mm / 350 mm über SO

Technische Zeichnung vom GT-N

Inneneinrichtung

Die Sitzanordnung ist der oberen Skizze zu entnehmen. An den Türen 2 und 5 können Rollstuhlfahrer, Radfahrer und Personen mit sperrigem Gepäck in ein mit Klappsitzen versehenes Abteil einsteigen, ohne weitere Fahrgäste zu stören. Der Mittelgang ist in den Wagenkästen 1, 3 und 5 recht schmal. Da die WSB eine Spurbreite von lediglich 1000 mm hat, war dies wegen den Motoren technisch nicht anders möglich gewesen. Dafür wurden 6 statt wie bisher 5 Türen verwendet, um einen kurzen Weg bis zur Türe zu gewährleisten. Ein integriertes Bordinformationssystem steuert die Ampelfreischaltung, die Zielanzeige, die Haltestellenanzeige und -ansage. Die Haltewunschknöpfe sind teilweise zwischen den Sitzen angebracht. Wenn ein Haltewunschknopf betätigt wird, öffnet sich die nächstgelegene Türe automatisch, ohne den Türöffnungsschalter an der Türe drücken zu müssen. Nach oben scrollen

Versuchsfahrten und Einsatz

Vom 23. bis 25. Februar 1996 konnte der erste Zug der Öffentlichkeit vorgestellt werden und stand während dieser Zeit in der Juliuspromenade. Später fanden ausführliche Versuchsfahrten auf dem Liniennetz der WSB statt. Die GT-N standen anfangs in heftiger Kritik. Fahrgäste, die den Zug gegenüber dem Juliusspital besichtigten, beklagten sich über die engen, nur 52 Zentimeter breiten Gänge in der ersten, dritten und fünften Sektion. Die Fahrer bemängelten während der Versuchsfahrten das unruhige Fahrverhalten in den Kurven und die lauten Fahrgeräusche.

Mitte September 1996 kamen die ersten drei GT-N auf der Linie 2 "Hauptbahnhof – Zellerau" zum Einsatz. Wenig später stellte man kleine Risse in den Fahrzeugen fest und beseitigte die Schwachstellen. Nach und nach kamen alle 20 Züge auf das Schienennetz, das an einigen Stellen für die neuen Fahrzeuge angepasst werden musste. Das betraf den Gleismittenabstand, der teilweise in der Sanderau und der Zellerau zu vergrößern war, damit sich die breiten Bahnen bei Begegnungsverkehr nicht berühren sowie die Hauptkreuzung am Dominikanerplatz. Weil sich die Scheibenbremsen sehr knapp über dem Boden befinden, mussten die Überhöhungen vom Gleis in Richtung Bordsteinkante entfernt werden. Nach oben scrollen

Wenig später kam es am Fahrzeug zu kleineren Umbauten. Da die Bremsaufhängung während der Fahrt klapperte, baute man Gummidämpfer ein. Das Quietschen in den Kurven war trotz fehlender Achse immer noch ein Problem. Schalldämpfer, die wie beim GT-E direkt am Rad angebracht sind, konnte man durch die andere Bauweise nicht übernehmen und untersuchte andere Lösungsmöglichkeiten. Die Laufruhe auf relativ geraden Strecken ist mittlerweile sehr gut, in engen Kurven neigt der GT-N allerdings zum seitlichen Ausschlagen. Entgleisungen deswegen gab es jedoch nicht. Die kritischen Bemerkungen der Fahrgäste wegen der teilweise engen Gänge hielten über ein Jahr an. Heute beschwert sich zwar keiner mehr über die neuen Stadtbahnzüge, sie sind aber dennoch nicht so beliebt wie die GT-E.

Das Problem mit den engen Gängen wurde auch von der Presse registriert und war einmal Basis eines Aprilscherzes in der Mainpost. In dem Artikel hieß es: "Statt zwei Strabas auf zwei parallelen Spuren nebeneinander fahren zu lassen, wird künftig nur eine, dafür aber in der Breite verdoppelte Straba auf den zwei parallelen Ein-Meter-Spuren verkehren. Samt Zwischenraum zwischen den beiden Schienensträngen ergibt sich so eine Spurbreite von 3,75 Metern." Das Schienennetz müsse dafür auch nicht teuer umgebaut werden. "Wir nutzen einfach beide Schienenpaare für eine Straßenbahn." Die jetzigen GT-N benötigen dafür nur "eine kleine Modifikation". Mit einem Spezial-Laser "ist es möglich, die Würzburger Züge der Länge nach durchzuschneiden. Anschließend wird ein neues Zwischenteil eingeschweißt." Auch wurde eine Lösung für den dann nicht mehr möglichen Begegnungsverkehr vorgeschlagen. Nach oben scrollen

Weitere Fotos vom GT-N in der Fotodatenbank

Download des GT-N für den MM Eisenbahn-Bildschirmschoner